Von der Polygrafin zur Pflegefachfrau
Die Spätschicht auf der Chirurgieabteilung im Spital Interlaken hat begonnen. Jeannine Zurbuchen schiebt den schmalen, brusthohen Pflegewagen mit aufgesetztem Bildschirm vor sich her. Die Pflegefachfrau ist zusammen mit einem Berufskollegen auf Antrittsvisite. Acht Patientinnen und Patienten macht das Duo seine Aufwartung. Im ersten Zimmer liegt eine 72-jährige Frau, die vor drei Tagen mit dem Fahrrad gestürzt ist. Sie hat ein Hämatom im oberen Bereich der Stirn und befindet sich zur Überwachung auf der Station.

Jeannine Zurbuchen schätzt die Teamarbeit und die erfüllende Aufgabe als Pflegefachfrau HF.
Jeannine Zurbuchen prüft mit einer medizinischen Taschenlampe, ob in den Augen der Patientin Auffälligkeiten zu erkennen sind. Ihr Befund ist negativ. Die Frau wartet ungeduldig darauf, das Spital verlassen zu können. Vorbeugend hat sie schon mal ihren Sohn angerufen. Wenn die Ärztin seine Mutter vor 17.30 Uhr entlässt, kann er sie abholen, danach hat er eine Verabredung.
Im Zimmer daneben sitzt ein 60-jähriger Mann auf dem Bett am Fenster. Er hat vorgestern bei einem Skiunfall eine Fraktur der Rippen erlitten. Da er unter starken Schmerzen leidet, hat die Pflege ihn mit einer Pumpe ausgerüstet, die es ihm ermöglicht, die Dosierung je nach Wehempfinden selbst zu regeln. «Mir geht es gut, seit ich im Spital bin», scherzt der Mann, als ihn Jeannine Zurbuchen nach seinem Befinden fragt.
Ein besonderes Augenmerk hat sie auf die Atmung des Patienten, da Rippenbrüche eine Lungenentzündung nach sich ziehen können. Sie trägt dem verunfallten Skifahrer auf, tief ein- und auszuatmen, dies soll möglichst schmerzfrei erfolgen. Vor der Tür trifft die Pflegefachfrau auf eine Kollegin, die ihr mitteilt, dass die Patientin mit dem Hämatom die ärztliche Freigabe erhalten hat. Jeannine Zurbuchen freut sich für die Frau.
Die Ruhe selbst
Empathisch und abgeklärt, die Ruhe selbst – so wirkt Jeannine Zurbuchen auf den Beobachter, der ihr ohne zu zögern eine langjährige Berufserfahrung attestieren würde. Dabei hat sie erst im Frühling 2025 ihre Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau HF abgeschlossen. Drei Jahre zuvor hatte sie ihren vorherigen Job als selbständige Polygrafin an den Nagel gehängt.
Gründe, warum sie nach mehr als 20 Jahren aus dem grafischen Gewerbe ausgestiegen war, führt Jeannine Zurbuchen gleich drei an. «Ich wollte nicht länger den ganzen Tag auf einem Bürostuhl sitzen, und mir war danach, mehr mit Menschen zu tun zu haben. Zudem hatte ich die meisten Kunden in der Tourismusbranche und verlor wegen der Corona-Pandemie von heute auf morgen praktisch alle Aufträge.»

In der Pflege hat Jeannine nicht nur einen neuen Job sondern auch ihre Berufung gefunden.
Pandemie zeigte Bedeutung der Pflege
Die Pandemie habe ihr zudem aufgezeigt, wie wichtig eine gut funktionierende Pflege im Gesundheitswesen sei, fügt Jeannine Zurbuchen an. Und da sie sich als jemand charakterisiert, die gerne Menschen hilft und einen guten Draht zu Leuten herstellen kann, denen es nicht gut geht, zeichneten sich die Umrisse der beruflichen Zukunft bald einmal vor ihrem inneren Auge ab. Sie hat in der Pflege nicht nur einen neuen Job, sondern auch ihre Berufung gefunden: «Ich empfinde meine Aufgabe als erfüllend und bereichernd zugleich», hebt Jeannine Zurbuchen hervor.
«In der Pflege findet sich ein Job für jeden Lebensabschnitt.»
Gleichwohl schiebt sie die Herausforderungen des Jobs nicht einfach so zur Seite. «Die Arbeitsbelastung und die knappen personellen Ressourcen machen mir manchmal schon ein wenig zu schaffen.» Aber wie in anderen Berufen auch, liessen sich beanspruchende Aufgaben mit einem funktionierenden Team leichter bewältigen, ergänzt sie postwendend.
Weiterbildung geplant
Jeannine Zurbuchen träumt denn auch nicht von einem erneuten Berufswechsel. An eine Weiterentwicklung in der Branche hingegen denkt sie sehr wohl. Seit kurzem hat sie auf ihrer Abteilung die Funktion einer so genannten Themenverantwortlichen für Palliative Care inne. Wer darin ein Sprungbrett für eine Spezialisierung in diese Richtung vermutet, liegt goldrichtig: Im Herbst fängt Jeannine Zurbuchen eine Weiterbildung in Palliative Care an. «In unserem Beruf findet sich ein Job für jeden Lebensabschnitt», betont die Pflegefachfrau. «Selbst wenn jemand nicht mehr direkt am Patientenbett tätig sein möchte, bietet die Branche eine passende Möglichkeit», umschreibt sie die Breite an Betätigungen, die es in der Pflege gibt.
Pflegefachperson HF
Die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachperson HF dauert drei Jahre. Voraussetzungen sind ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis, eine Berufs-, Fach- oder gymnasiale Maturität oder ein Fachmittelschulausweis. Fachpersonen Gesundheit profitieren von einer um ein Jahr verkürzten Ausbildungsdauer. Die Absolventinnen und Absolventen wechseln semesterweise zwischen Schule und Praxis.
Die Spitäler fmi AG bieten Interessentinnen und Interessenten eine Betriebsanstellung an. Absolventinnen und Absolventen verbringen die Praxisblocks in verschiedenen Abteilungen und lernen so die Bandbreite an pflegerischen Tätigkeiten in einem Spital kennen. Laut Ursula Bigler, Leiterin Bildung Akutpflege, befinden sich im Spital Interlaken zwischen vier und sechs Personen auf diesem Ausbildungsweg. Pflegefachpersonen HF haben die Möglichkeit, sich zu spezialisieren und in diversen Bereichen wie beispielsweise in der Anästhesie-, Notfall- und Intensivpflege, in der Berufsbildung, der Geriatrie oder Palliative Care weiterzubilden.

Zur Person
Jeannine Zurbuchen hat nach mehr als zwei Jahrzehnten als Polygrafin die Ausbildung zur diplomierten Pflegefachfrau durchlaufen. Dank der Betriebsanstellung bei den Spitälern fmi AG konnte sie zwei ihrer drei Praktika in Interlaken absolvieren, das dritte machte sie in der Rehabilitationsklinik Heiligenschwendi. Sie wohnt mit ihrem Partner in Interlaken und ist in der Freizeit gerne auf dem Stand up Paddle oder besucht Konzerte verschiedener Stilrichtungen. Derzeit liegt ihr Hauptfokus in der Freizeit auf dem Umbau des Hauses, das sie und ihr Partner in Ringgenberg gekauft haben.

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