Präziser operieren dank Robotik
Florian Grütter sitzt auf einem Hocker, in den Händen hält er zwei schmale Griffe, die an umgedrehte Pinzetten erinnern. Durch die 3-D-Brille blickt Grütter auf den Bildschirm direkt vor ihm. Dort ist ein in alle Richtungen drehbares Gelenk zu sehen, an dessen Ende eine Nadel befestigt ist. Mit flinken Bewegungen vernäht der dünne Metallstift gerade einen Faden. Florian Grütter steuert den Nähvorgang mit den Handgriffen. Noch zwei Schlaufen, dann hat er die Wunde sauber verschlossen.

Das Arbeiten mit dem OP-Roboter ermöglicht feinere und präzisere Bewegungen als von Hand möglich sind.
Über 100 Operationen durchgeführt
Das System, welches Grütter gerade verwendet, ist ein Operationsroboter. Er besteht aus zwei schwenkbaren Armen, an deren Ausläufen die Instrumente für den Eingriff eingespannt werden. «Die Robotik ermöglicht feinere und präzisere Bewegungen als wir sie von Hand durchführen können», erläutert der Spezialist für Viszeralchirurgie, die sich mit den inneren Organen befasst. Dazu gehört der Verdauungstrakt von der Speiseröhre bis zum Darmausgang.
«Dank der Robotik können wir Eingriffe in der Bauchhöhle einfacher ausführen.»
Seit Anfang 2025 steht das Robotik-System im Spital Interlaken im Einsatz. Mehr als 100 Eingriffe haben die Teams der Viszeralchirurgie und Gynäkologie seither durchgeführt. Die Erfahrungen sind durchwegs positiv. «Dank der Robotik können wir Eingriffe in der Bauchhöhle einfacher ausführen, insbesondere dann, wenn wir abgewinkelte Bewegungen machen müssen, um die Operationsstelle zu erreichen», erklärt Florian Grütter. Gute Ergebnisse erzielen lassen sich nach seinen Ausführungen mit der Robotik insbesondere bei Dickdarmkrebs, Enddarmfixationen oder Leistenbrüchen.

Mittels Roboter sind insbesondere schwierig zugängliche Operationsstellen einfacher zu erreichen.
Schweizer Produkt
Der Viszeralchirurg veranschaulicht die Funktionsweise des Robotik-Systems, indem er einen Vergleich mit den oberen menschlichen Extremitäten macht: «Die beiden Schwenkarme sind die Verlängerungen unserer Arme, die Endstücke ahmen die Hand und die Finger nach.» Die 3-D-Brille übersetzt der Ärztin oder dem Arzt die fragmentierte Darstellung der Operationsstelle auf dem Monitor in ein dreidimensionales, gestochen scharfes Bild.
Bei der Anlage, welche das Spital Interlaken angeschafft hat, handelt es sich um das Produkt einer Schweizer Firma, das laut Grütter im Vergleich mit Systemen aus dem Ausland deutlich günstiger ist. Der Grund dafür ist ein einfacher: Die einheimische Anwendung besteht lediglich aus den Robotik-Armen und der Software. Elemente wie Kamera, Stromaggregat und Lüftung kann das Spital aus dem vorhandenen Bestand nutzen und musste sie nicht zusammen mit dem Robotik-System neu beschaffen.
Bevor Grütter und seine Kolleginnen und Kollegen das System im Alltag nutzten, führten sie umfangreiche Tests und Evaluationen durch. «Wir haben das Produkt über ein Jahr lang auf Herz und Nieren geprüft», unterstreicht Grütter. Und auch im täglichen Einsatz sind die Ärztinnen und Ärzte beim Einsatz des Systems nicht auf sich allein gestellt. Wie Florian Grütter ausführt, ist bei jeder Operation eine Fachperson der Herstellerfirma dabei, um zu unterstützen und Tipps in der Anwendung zu geben
Keine zusätzlichen Kosten
Für welche Operationen die Ärztinnen und Ärzte auf das Robotik-System zurückgreifen, entscheiden sie gestützt auf die Art des Eingriffs und die Anatomie der Patientin respektive des Patienten. «Wir könnten die Robotik praktisch immer einsetzen, aber das würde keinen Sinn machen», betont Florian Grütter. Deshalb werde immer genau geprüft, ob die Methode einen Vorteil bringe.
Grütter zeigt sich dennoch überzeugt, dass die Robotik sich weiterentwickeln und das Feld der Anwendungen breiter werden wird. «Die Technologie befindet sich noch in den Kinderschuhen.» Gleichwohl ist es aus seiner Sicht wichtig, dass auch ein Regionalspital wie Interlaken auf die Anwendung setzt: «Dadurch bleiben wir technologisch am Ball.»

Florian Grütter ist überzeugt, dass sich die Robotik weiterentwickeln und das Feld der Anwendungen breiter werden wird.
Ein Anspruch, den auch Patientinnen und Patienten haben. Florian Grütter erzählt, dass die eine oder der andere vor einem anstehenden Eingriff schon mal nach der Verfügbarkeit von Robotik gefragt habe. Und wenn sie tatsächlich mit deren Hilfe operiert werden, hat es für Patientinnen und Patienten keine zusätzlichen Kosten zur Folge, wie Florian Grütter abschliessend hervorhebt. «So profitieren alle von den Möglichkeiten der Robotik», fügt er zufrieden lächelnd hinzu.

Zur Person
Dr. med. Florian Grütter ist Leitender Arzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie sowie Spezialist für Koloproktologie am Spital Interlaken. Letztere befasst sich mit der Diagnose und Behandlung von Erkrankungen des Dünn-, Dick- und des Enddarms. Florian Grütter wohnt in Bönigen, ist verheiratet und Vater dreier Kinder im schulpflichtigen Alter. In seiner Freizeit hält er sich oft am oder mit dem Kajak auf dem See auf, im Winter ist er begeisterter Skifahrer. Überdies bezeichnet er sich als leidenschaftlichen Gärtner.
Testen Sie Ihre Geschicklichkeit am OP-Roboter-Simulator!
Selber Hand anlegen: Tag der offenen Türe am 12. September
Wer schon immer einmal wissen wollte, wie sich die Steuerung eines OP-Roboters anfühlt, bekommt am Tag der offenen Türe am Spital Interlaken die Gelegenheit dazu: Am Samstag, 12. September 2026, von 11.00 bis 17.00 Uhr stehen gleich zwei OP-Roboter-Simulatoren bereit, an denen Besucherinnen und Besucher ihre Geschicklichkeit selbst testen können. Neben diesem Blick in die Welt der modernen Chirurgie erwartet Sie ein vielseitiges Programm mit Einblicken in unsere Berufswelten, Rettungsorganisationen im Einsatz und einem bunten Rahmenprogramm für die ganze Familie.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch.


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