«Eine frühe Abklärung ist wichtig»
Luca nimmt den selbstklebenden Verband ab, schlüpft aus dem stirnseitig aufgeschnittenen Gips und winkelt das Bein an. Dem Fuss ist nichts anzusehen, Luca plagen auch keine Schmerzen. Vor fünf Wochen war das ganz anders. Im Fussballtraining verdrehte der 16-Jährige bei einem Zweikampf den Fuss und ging zu Boden. Die Folge waren eine Stauchung der Wachstumsfuge am linken Wadenbein und gezerrte Bänder.
Heute sitzt er im Behandlungszimmer von Birte Schultz. Die Kinderorthopädin am Spital Interlaken untersucht Lucas Unterschenkel, prüft die Stabilität und beurteilt die Reaktion des Jugendlichen bei jeder Bewegung. Einzig beim Anwinkeln des Fusses merkt er ein leichtes Ziehen. Birte Schultz ist zufrieden mit dem Heilungsverlauf: «Der Fuss sieht gut aus, er ist nicht mehr geschwollen, die Bänder sind wieder stabil.»

Birte Schultz überprüft den Heilungsverlauf ihres Patienten und verordnet Physiotherapie für den Belastungsaufbau.
Zeit für den nächsten Schritt: «Jetzt ist Belastungsaufbau angesagt», kündigt sie Luca an. Der Jugendliche erhält eine Verschreibung für eine Physiotherapie, um die Wadenmuskulatur zu stärken und den Fuss zu stabilisieren. Die Ärztin entlässt Luca mit der Empfehlung, dass er trotz der gut voranschreitenden Genesung noch Geduld braucht: «Mit dem Fussballspielen solltest du noch für mindestens 6 Wochen abwarten. Wie auch bei den Profis braucht es vorher ein gutes Aufbautraining.»
Kinder brauchen seltener Operationen
Seit März 2026 ist Birte Schultz im Spital Interlaken tätig, wo sie als Leitende Ärztin die Abteilung für Kinderorthopädie aufbaut. «Kinder sind keine Miniaturausgaben von Erwachsenen», erklärt sie und ergänzt: «Da ihre Knochen und der gesamte Bewegungsapparat noch wachsen, ist bei ihnen vieles anders als bei einer ausgewachsenen Person.»

Birte Schultz baut seit März 2026 als leitende Ärztin der Kinderorthopädie die Abteilung auf.
Und was anders ist, muss auch anders behandelt werden. Birte Schultz veranschaulicht dies anhand eines Vergleichs mit Erwachsenen. Bei ihnen seien Probleme am Bewegungsapparat häufig eine Folge von Abnutzung der Gelenke oder Sehnen und erforderten oft eine Operation, wenn die nicht-operativen Massnahmen ausgeschöpft sind. Bei Kindern sei dies viel seltener nötig. «Der Körper von Kindern verändert sich laufend. Diesen Umstand kann sich die Medizin bei der Therapie zunutze machen.»
Breites Behandlungsfeld
Das Behandlungsfeld bei Kindern und Jugendlichen ist umfangreich, wie Birte Schultz darlegt: «Wir kümmern uns um alles, was mit dem Bewegungsapparat im Wachstum zu tun hat – Knochen, Gelenke, Muskeln, Haltung und Bewegungsmuster.» Ob ein Säugling mit Klumpfuss, eine Jugendliche mit X-Beinen oder einer Rückenverkrümmung, Kinder mit Brüchen, Prellungen oder einer angeborenen Behinderung – sie alle finden sich in ihrem Behandlungszimmer.
Ebenso unterschiedlich wie die Krankheitsbilder sind die Therapien in der Kinderorthopädie. Nach Auskunft von Birte Schultz kommen am Anfang oft konservative Behandlungen zum Einsatz, wie eine Physiotherapie. Aber auch Schuheinlagen, Schienen , korrigierende Gipse oder Korsette können helfen, eine Fehlstellung zu korrigieren, führt sie aus.
Ausserdem haben die Knochen und Bänder von Kindern eine andere Beschaffenheit. Durch die höhere Elastizität sind sie widerstandsfähiger, wie der Fall von Luca zeigt: Bei ihm hat es lediglich in der Wachstumsfuge geknackt, während sich ein Erwachsener mit grosser Wahrscheinlichkeit das Wadenbein gebrochen hätte.

Genau so wichtig wie die Behandlung von Fehlstellungen und Brüchen sind die Beratung und das Gespräch mit Eltern und Kinder.
Sorgen der Eltern ernst nehmen
Die Behandlung von Fehlstellungen oder Brüchen mag ein wesentlicher Teil von Birte Schultz’ Metier sein. Von ebenso grosser Bedeutung ist für sie noch etwas anderes: Die Beratung und das Gespräch mit Eltern und den Kindern, die mit einer Sorge ins Spital kommen. «Wenn es um die eigenen Kinder geht, sind die meisten Leute aufgeregter und besorgter, als wenn es um sie selbst geht.» Die zweifache Mutter kann das gut nachvollziehen. Schliesslich wollen alle, dass ihr Kind gesund ist, gesund bleibt und nicht unter vermeidbaren Spätfolgen leiden muss. Deshalb sei für sie schon nur die Sorge um die körperliche Entwicklung eines Kindes Berechtigung genug, zu ihr zu kommen.
Gleichzeitig weist die Kinderorthopädin darauf hin, dass es wichtig sei, eine Abweichung in der Entwicklung frühzeitig zu erkennen und zu beurteilen: «Mit einer frühen Abklärung können wir prüfen, ob abgewartet werden kann oder ob wir korrigierende Massnahmen ergreifen müssen, um eine Beeinträchtigung in der Zukunft zu verhindern.» Auf diese Weise konnte sie schon das eine oder andere Kind mit einer Fehlstellung so begleiten, dass es sich am Ende ohne körperliche Einschränkung bewegen konnte. Die Dankbarkeit der Eltern sei für sie generell ein Motivator: «Wenn ich ihnen versichern kann, dass die Auffälligkeit bei ihrem Kind keine Spätfolgen haben wird, dann ist die Erleichterung der Eltern gross», führt Birte Schultz aus.

Zur Person
Dr. med. Birte Schultz ist Leitende Ärztin für Kinderorthopädie im Spital Interlaken. Sie hat ihr gesamte Ausbildung in der Schweiz absolviert und lebt seit über 25 Jahren in der Schweiz. Sie freut sich nach einer intensiven Zeit am Ostschweizer Kinderspital und im Sonnenhofspital Bern nun Wohnen und Arbeiten an einem Ort vereinen zu können. Als Kinderorthopädin ist sie neu erste Anlaufstelle für die Bevölkerung und Haus- sowie Kinderärzte vor Ort.
Birte Schultz ist verheiratet, Mutter von zwei schulpflichtigen Töchtern und wohnt mit ihrer Familie in Unterseen. Sie bezeichnet sich als «leidenschaftliche Bergsportlerin». In der Freizeit steht sie gerne auf den Ski und Tourenski, geht wandern oder verbringt Zeit mit der Familie, vorzugsweise draussen in der Natur.

Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden