Das Streben nach dem stimmigen Bild
Im Flur zum Haus K des Spitals Interlaken hängt ein quadratisches Bild. Es zeigt den Thuner Rathausplatz in einer Rundsicht, als wäre er durch ein Froschauge aufgenommen worden. Vor dem Bild steht Uwe Süess und führt einer Ärztin vor, wie sich das Bild drehen lässt und auf jeder Seite einen anderen Blickwinkel auf den Platz schafft. Mal ist das Rathaus obenauf, mal das Schloss und das alte Spital, mal sind es die beiden Häuserzeilen dazwischen. Mit sichtlicher Freude schildert er der Frau, dass auf der Rückseite der Leinwand angebrachte Kugellager die stufenlosen Drehungen möglich machen.

Der Thuner Rathausplatz künstlerisch interpretiert.
Stolz, Bilder im Spital zeigen zu dürfen
Das drehbare Bild ist die Lithografie eines Gemäldes, das Uwe Süess im Jahr 2020 gemalt hat. Es ist eines von 27 Bildern, die im Wartebereich und den Vorräumen der Radiologie ausgestellt sind. Süess hat einen engen Bezug zu der medizinischen Fachrichtung, arbeitet er doch als Radiologiefachmann im Spital Frutigen. Entsprechend stolz ist er, dass seine Werke, die in der Freizeit entstanden sind, während vier Monaten die Wände seines Fachbereichs in Interlaken zieren.
«Es ist ein gutes Gefühl, dass ich meine Bilder hier zeigen darf», erklärt Uwe Süess und vergisst nicht zu erwähnen, dass die Initiative für die Ausstellung von seinem Chef Tobias Hertle ausging. Ebenso wenig unterschlägt der Kunstmaler, dass der Chefarzt Radiologie der Spitäler fmi AG persönlich Gefallen an seinen Bildern gefunden habe.
Ein Jahr Arbeit
«Evolution» – Entwicklung, unter diesen Titel hat Uwe Süess die Exposition gestellt. Der Grund ist ein einfacher: «Sie zeigt, wie sich meine 360-Grad-Bilder im Laufe der Jahre entwickelt haben.» Neben dem Thuner Rathausplatz enthalten zwei weitere quadratische Bilder städtische Aufnahmen: Das eine hat den Bundesplatz als Sujet, das andere die gesamte Innenstadt von Thun. Letzteres ist die Abwandlung eines Gemäldes, das Uwe Süess im Breitbildformat angefertigt hat.
«Für ein Panoramabild braucht es Präzision und Geduld.»

Uwe's Panoramabilder zieren die Gänge des Spital Interlaken.
Fotorealistischen Darstellungen mit ihrer Detailtreue erfordern in der Regel nicht nur ein gutes Auge, sondern vor allem eine äusserst feine Pinselführung sowie einen nicht unbeträchtlichen zeitlichen Aufwand. Uwe Süess bestätigt die Annahme: «Für ein Panoramabild braucht es Präzision und Geduld. In der Regel dauert es ein Jahr, bis ich es fertiggestellt habe.»
Stilistisch nicht festlegen
Auch wenn er gerne und immer wieder 360-Grad-Abbildungen von Städten und Landschaften malt, mag sich Uwe Süess nicht darauf fokussieren. «Ich will offen bleiben und mich nicht auf einen bestimmten Stil festlegen müssen.» So könne er immer wieder frei mit stilistischen Varianten experimentieren. Neben der realistischen Malerei hat es ihm vor allem der Surrealismus angetan. Uwe Süess nennt den spanischen Meister Salvador Dalí oder den Niederländer M.C. Escher als Vorbilder.
Nicht verwunderlich, dass sich in der Ausstellung einzelne Werke in diesem phantasieumwobenen Stil wiederfinden. Etwa das Bild, das einen auf dem Meer treibenden Gedenkkranz und darunter ein aus Fischen geformtes Menschengesicht zeigt. Das Gemälde soll an die Bootsflüchtlinge erinnern, die immer wieder ihr Leben lassen in der Hoffnung darauf, irgendwo auf dieser Welt ein besseres zu finden, wie Uwe Süess erläutert.
Augenzwinkernde Details
Neben dem Surrealismus frönt Uwe Süess in seiner Malerei gerne auch augenzwinkernden Details. So steht etwa auf einem Bild des berühmten indischen Mausoleums Taj Mahal keck das Schloss Thun am Rand, auf dem Thuner Panoramabild marschieren die Beatles über einen Fussgängerstreifen oder die postgelbe Rikscha, die der Maler aus Indien mitgebracht hat, fährt über die Sinnebrücke. Als Passantin, die den Hund Gassi führt, hat es auch seine Frau auf das Bild des Bundesplatzes geschafft.

Taj Mahal.
Eine Kunstschule hat Uwe Süess keine absolviert und auch Malkurse hat er nicht in grossem Stil besucht. Alles, was er mit Pinsel, Spachtel, Bleistift und Kreide könne, habe er sich selbst beigebracht, erklärt der Künstler. Oder dazugelernt, indem er anderen Künstlern über die Schulter geschaut habe, ergänzt Süess schmunzelnd. So sehr er seine Techniken im Laufe der Zeit verfeinert und perfektioniert hat, so wenig kam für ihn eine Karriere als Künstler in Frage: «Ich gehöre nicht zu den Menschen, die alles auf eine Karte setzen.» Nach einem Moment fügt er lächelnd hinzu: «Vielleicht war ich auch etwas zu bequem, um vollberuflicher Maler zu werden.»
Das gute Bild
Gibt es denn etwas, dass Uwe Süess’ Beruf als Radiologiefachmann und seine Leidenschaft für die Malerei verbindet? Die Antwort kommt postwendend: «Das Bild. Genauer gesagt – das gut gemachte Bild.» Es sei sowohl seine Ambition als Berufsmann wie auch als Kunstmaler, stimmige Bilder zu schaffen, fügt Uwe Süess hinzu. «Als Radiologiefachmann achte ich darauf, dass die Sicht auf die Gelenke einwandfrei ist, als Maler ist mir die Genauigkeit des dargestellten Objektes wichtig.» Während ersteres zu überprüfen seinen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen vorbehalten bleibt, können sich von letzterem alle an Kunst interessierten Menschen im Spital Interlaken überzeugen.
Die Ausstellung «Evolution» von Uwe Süess in der Radiologie des Spitals Interlaken dauert noch bis Ende November. Sie ist täglich von 8 bis 17 Uhr zugänglich.

Kunst soweit das Auge reicht.

Zur Person
Uwe Süess ist Radiologiefachmann HF und arbeitet seit 2013 im Spital Frutigen. Der passionierte Kunstmaler lebt mit seiner Frau in einem antiken Chalet in Thun. Die beiden halten auf ihrem Grundstück Hühner, Ziegen, Katzen und einen Hund. Ebenfalls zu seinen tierischen Freunden zählt Uwe Süess einen Raben, der seit Jahren immer wieder zu Besuch kommt. Neben der Malerei bezeichnet Uwe Süess Spaziergänge mit dem Hund und Ferien mit dem Wohnwagen als seine bevorzugten Freizeitbeschäftigungen.

Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden