Damit niemand im Spital ohne Bett dasteht
Text: Daniel Göring, Foto: Tino Kistler
Es ist Mittwoch, kurz nach acht Uhr. Anita Gasser steht an ihrem Pult im zweiten Stock im Spital Interlaken. Ihr Arbeitstag hat soeben begonnen, sie öffnet ein Programm auf dem Computer. Mit geübten Blick erkennt sie in Sekundenschnelle: Heute wird es eng. Lediglich sieben leere Betten stehen ihr aktuell zur Verfügung, im Verlauf des Tages wird sie für Patientinnen und Patienten, die einer Operation oder sonstigen Behandlung wegen ins Spital eintreten, 18 Betten benötigen. Deshalb verschickt sie als erstes aus dem Computerprogramm eine Meldung an alle Stationen. Diese enthält den Hinweis, dass sie knapp an Betten ist und die Bitte, durch Austritte behandelter Personen freiwerdende Liegeplätze sofort zu melden.
Aufenthalt koordinieren
Anita Gasser betreut heute die Bettendisposition im Spital Interlaken. Sie sorgt dafür, dass Patientinnen und Patienten für ihre Behandlung ein Bett haben und dieses im richtigen Zimmer auf der richtigen Station Platz findet. «Es heisst zwar Bettendisposition, aber eigentlich koordinieren wir den Aufenthalt der Patientinnen und Patienten», erklärt die ausgebildete Pflegefachfrau mit einem Lachen im Gesicht.

Anita Gasser und ihre sieben Kolleginnen koordinieren für die Patientinnen und Patienten den Spitalaufenhalt.
«Wir sind kein grosser Bereich, aber eine wichtige Drehscheibe im Spitalbetrieb.» Mit «Wir» meint Anita Gasser, dass das Team der Bettendisposition neben ihr noch aus sieben Kolleginnen besteht, allesamt ebenfalls Pflegefachfrauen. Die in diesem Berufsfeld erworbenen Kenntnisse helfen, die Zusammenhänge zu sehen und besser zu verstehen. Die Frauen arbeiten zur einen Hälfte in der Bettendisposition, zur anderen für die Sprechstunde der Anästhesie. Immer drei von ihnen sind gemeinsam im Einsatz, damit die Kolleginnen bei Bedarf der Verantwortlichen für die Bettendisposition unter die Arme greifen können. «Manchmal geht es hoch zu und her und wir müssen fortlaufend umdisponieren.»
«Die Bettendisposition ist kein grosser Bereich, aber eine wichtige Drehscheibe im Spitalbetrieb.»
Warten können
Gesagt, geschehen. Das Telefon klingelt mehrfach. Aus dem Notfall meldet sich eine Kollegin, weil es für einen verunfallten Patienten nach der umgehend vorgenommenen Operation ein Bett braucht. Sekretariate anderer Stationen benötigen eine Auskunft, ein Hausarzt hat eine Frage zum geplanten Eingriff einer von ihm überwiesenen Patientin. Anita Gasser gibt mit ruhiger Stimme Auskunft und erledigt die notwendigen Dispositionen im System.
Danach beginnt sie, die Patientinnen und Patienten, die morgen ins Spital eintreten werden, auf Betten, Stationen und Zimmer zu verteilen. Einem Mann, der sich die nach einem Oberarmbruch eingesetzte Metallplatte entfernen lassen will, weist sie ein Einzelzimmer zu. Und zwar auf der Privatstation, entsprechend der Krankenversicherung, die er hat. Eine Frau, die eine Rückenoperation vor sich hat, plant sie für ein Zweierzimmer auf der Chirurgie der Allgemeinen Abteilung ein.
Bei sechs weiteren Patientinnen und Patienten verfährt Anita Gasser auf die gleiche Weise. Die beiden Personen, deren Operation erst morgen Nachmittag angesetzt ist, wird sie später zuteilen. Aus Erfahrung weiss Anita Gasser, dass die Stationen ihr im Verlauf des Tages noch Austritte ankündigen werden, was ihr zusätzlichen Spielraum für die Planung verschaffen wird – warten können als wirksame Arbeitsstrategie.

Viel Verantwortung: Damit Operationen plangemäss stattfinden können, muss alles perfekt koordiniert sein.
Narkosegespräch nicht vergessen
Als nächstes kümmert sich die Verantwortliche für die Bettendisposition um die 18 neuen Anmeldungen für später geplante Operationen. Eine Frau, der nächste Woche ein Eingriff am Fuss bevorsteht, teilt sie – da er ambulant vorgenommen wird – der Tagesklinik zu. Einen Patienten, der Mitte März eine Operation an der Blase haben wird, plant sie am entsprechenden Tag im Kalender ein. Weil es sich um einen betagten Mann handelt, bietet Anita Gasser ihn per Brief zu einem Narkosegespräch mit dem Anästhesiearzt im Vorfeld auf. Bei jüngeren Patientinnen oder Patienten kann das Gespräch telefonisch stattfinden.
«Wenn ich vergesse, jemanden zum Narkosegespräch einzuladen, muss die Operation unter Umständen verschoben werden», illustriert Anita Gasser die Bedeutung auch dieses Planungsschrittes. «Wegen eines solchen Fehlers stirbt zwar niemand, aber es wäre unangenehm für alle und würde für verschiedene Bereiche Mehraufwand bedeuten.»
Wie Tetris spielen
Ab und an kommt es vor, dass Patientinnen oder Patienten sich kurzfristig bei der Bettendisposition melden. «Ich habe schon Anrufe von Personen erhalten, die mir am Vortag der Operation sagten, sie würden es nicht wie vorgesehen auf 7 Uhr ins Spital schaffen, da sie abgelegen wohnten und auf den öffentlichen Verkehr angewiesen seien.» In einem solchen Fall heisst es improvisieren. Manchmal gelingt es Anita Gasser, zwei Operationen am selben Tag abzutauschen, es kann aber auch vorkommen, dass der Eingriff verschoben und ein neuer Termin gesucht werden muss.
Wieder läutet das Telefon. Eine Pflegefachfrau auf der Intensivstation informiert Anita Gasser, dass eine Patientin, nachdem sich ihr Zustand stabilisiert hat, auf die normale Station verlegt werden kann. Die Verantwortliche der Bettendisposition findet nach kurzem Suchen auf der Allgemeinen Medizin einen verfügbaren Platz, teilt die Patientin im System dort ein und meldet es der entsprechenden Station.
Anita Gasser vergleicht ihre Arbeit in der Bettendisposition augenzwinkernd mit einem Tetris-Spiel. Was beim ersten Hören sonderbar tönen mag, erweist sich nach ihrer Erklärung als durchaus treffender Vergleich: «Wir müssen, vor allem wenn die Zeit drängt, die Übersicht behalten können, schnell reagieren und passende freie Plätze finden.»
Mit dem Kumpel das Zimmer teilen
Den Anliegen und Wünschen der Patientinnen und Patienten zu entsprechen, gehört in der Bettendisposition zur Verhaltensmaxime: «Wir versuchen unser Möglichstes, aber nicht immer ist alles möglich», fasst Anita Gasser zusammen. Ein Fall ist ihr in schöner Erinnerung geblieben. Ein Patient fragte eine Woche vor der Operation an, ob es machbar wäre, mit seinem Kollegen, der zur gleichen Zeit im Spital sein werde, das Zimmer zu teilen.
Anita Gasser machte es möglich. Und staunte nicht schlecht, als sie eines Tages ein Kuvert mit der Aufschrift «Der Wunscherfüllerin in der Bettendispo: Ihr seid grossartig!» sowie eine Schachtel Pralinen und einen Zustupf für die Teamkasse erhielt. «Mit so wenig Zusatzaufwand so viel bewirken zu können – das hat mich enorm gefreut», blickt Anita Gasser noch heute berührt zurück.

Zur Person
Anita Gasser arbeitet seit 2022 in der Bettendisposition des Spitals Interlaken. Zuvor war sie als Pflegefachfrau angestellt. Die 35-Jährige wohnt mit ihrem vierjährigen Sohn in Unterseen und engagiert sich in der Ludothek «Jojo» in Interlaken. Unterwegs zu sein, ist ihr wichtig, sei es mit dem Velo oder auch zu Fuss. Ihre Freunde und Familie bezeichnet sie als Rückhalt und liebt es, mit ihnen Zeit zu verbringen. Anita Gasser ist zudem Handball-Fan und verfolgt regelmässig die Spiele sowohl von Wacker Thun als auch des Teams HG Bödeli.

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Heidi Aellig