Sie berät und stärkt die Pflegenden im Seniorenpark
Text: Daniel Göring, Foto: Tino Kistler
Während der Morgentoilette hat die Pflege im Seniorenpark Unterseen in Interlaken bei einer Bewohnerin eine auffällige gerötete Stelle am Unterschenkel entdeckt. Die handgrosse Verfärbung könnte ein Anzeichen für eine Infektion der Haut sein, in der Fachsprache Erysipel genannt. Deshalb hat Corinne Suter eine Blutentnahme in Auftrag gegeben. Sie will die Blutwerte überprüfen lassen, denn die von Bakterien hervorgerufene Infektion könnte eine Blutvergiftung auslösen. Es ist kurz nach Mittag, der Befund aus dem Labor liegt vor. Er ist negativ.

Corinne Suter bei der Vorbereitung für die Blutprobe.
Corinne Suter ist erleichtert. Sie fragt telefonisch bei der Heimärztin im benachbarten Spital nach, ob das Antibiotikum, das diese der Bewohnerin im Bedarfsfall verschrieben hat, noch nötig sei. Nein, lautet die Antwort der Ärztin. Corinne Suter überbringt der Bewohnerin die beruhigende Nachricht.
Gesundheitliche Gesamtsicht
Corinne Suter ist Fachverantwortliche Langzeitpflege im Seniorenpark Weissenau. Eine Funktion, die es erst seit etwas mehr als einem Jahr gibt. Sie soll die Effizienz und Qualität der Pflege steigern helfen und verhindern, dass Bewohnerinnen und Bewohner bei medizinischen Problemen sofort ins Spital verlegt werden müssen. «Die Fachverantwortliche Langzeitpflege ist dazu da, die Pflegenden bei medizinischen Tätigkeiten zu begleiten und zu stützen», umschreibt Bettina Khan die Aufgabe. Sie leitet die Fachverantwortung Langzeitpflege bei den Spitälern fmi AG. Neben Corinne Suter gehören noch je eine Fachverantwortliche im Seniorenpark Unterseen und im Seniorenpark Frutigen zum Team.
In der Regel verfügen Alters- und Pflegeheime nicht über eine erweiterte Fachexpertise in der Pflege. Sobald bei einer Bewohnerin oder einem Bewohner ein medizinisches Problem auftaucht, müssen sie externe fachliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Hier setzt die Fachverantwortung Langzeitpflege an. «Sie ist in der Lage, eine gesundheitliche Gesamtsicht einzunehmen und entsprechend zu handeln», betont Bettina Khan.
«Die Fachverantwortliche Langzeitpflege ist dazu da, die Pflegenden bei medizinischen Tätigkeiten zu begleiten und zu stützen.»

Corinne Suter im Austausch mit einer Pflegefachperson
Der Fall mit der vermuteten Hautinfektion am Bein der Bewohnerin veranschaulicht dies in ihren Augen beispielhaft. «Hätte es sich tatsächlich um eine Infektion gehandelt und diese wäre nicht als solche erkannt worden, wäre die Bewohnerin unter Umständen als Notfall im Spital gelandet.»
Sicherheit durch Präsenz vermitteln
Corinne Suter berät, vermittelt und stärkt die Pflegenden im Seniorenpark Weissenau. Sie unterstützt mit ihrem 50-Prozent-Pensum Pflegende bei medizinischen Handgriffen, prüft Medikamentenabgaben und hat den einen oder anderen Tipp für Kolleginnen und Kollegen auf Lager. Bei ihrer Arbeit geht es darum, die Kolleginnen und Kollegen in ihrer fachlichen Expertise zu festigen und ihnen Sicherheit zu vermitteln. Dadurch lassen sich Qualität sicherstellen und anspruchsvolle Situationen gemeinsam meistern.
«Das Coaching macht einen wesentlichen Teil unserer Tätigkeit aus», erklärt Corinne Suter. «Wir befähigen sie, gewisse Aufgaben selbständig auszuführen.» Neben den unabdingbaren breiten fachlichen Kenntnissen ist dabei auch eine gute Portion psychologisches Geschick gefordert. Bettina Khan bestätigt die Schlussfolgerung. «Für die Funktion brauchen wir erfahrene Pflegende mit einer breiten Ausbildung in verschiedenen Fachbereichen.» Hinzu komme die Bereitschaft, laufend dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln.
Auch Corinne Suter wird immer wieder externer fachlicher Support zuteil. Die Spitäler fmi AG beteiligen sich an einem Projekt der Universität Basel zur Implementierung einer Fachverantwortung Langzeitpflege. «Ich habe regelmässige Coachings in meiner Rolle und kann vom Wissen profitieren, die andere Institutionen mit der gleichen Funktion gemacht haben», erläutert Corinne Suter.
Die Tücken mit der Rollvene
Die nächste Aufgabe wartet auf die Fachverantwortliche Langzeitpflege. Ein Kollege fühlt sich nicht sicher genug bei der Blutentnahme. Corinne Suter wird ihn zu einer Bewohnerin begleiten, bei der eine routinemässige Untersuchung des Blutbildes ansteht. Auf dem Weg zum Zimmer der Seniorin fragt eine Pflegende Corinne Suter, welches Medikament sie einem Bewohner verabreichen soll, der unter einem hartnäckigen Husten leidet. Die Fachverantwortliche Langzeitpflege fragt nach den Symptomen und nennt dann ein aus ihrer Sicht geeignetes Präparat.
Die Seniorin, deren Blutprobe gebraucht wird, zeigt sich zappelig. Erst nach wiederholter Aufforderung der Pflegefachleute schafft sie es, ruhig auf ihrem Bett liegenzubleiben, damit die Blutentnahme erfolgen kann. Der Pfleger desinfiziert die Innenseite des Arms und will die Nadel einführen, doch die Vene rollt ihm mehrfach davon. Corinne Suter zeigt ihm schliesslich, wie er das Blutgefäss doch noch erwischt und heisst ihn nach der Blutentnahme, der Bewohnerin einen Druckverband anzulegen. So lässt sich vermeiden, dass sie als Folge des Nadelstichs einen blauen Fleck davonträgt.
Ein schmaler Grat
Auf dem Rückweg ins Stationszimmer erzählt Corinne Suter, was ihr an der Aufgabe besonders zusagt: «Mir gefällt die Abwechslung bei der Arbeit und dass ich die Kolleginnen und Kollegen unterstützen kann.» Im Gegensatz zu einer Führungsfunktion könne sie sich auf die fachlichen Aspekte konzentrieren, schiebt Corinne Suter nach.
Dabei befinde sie sich manchmal auf einem schmalen Grat, räumt Corinne Suter ein: «Ich muss immer mal wieder aufpassen, dass ich mich abgrenze und nicht plötzlich Aufgaben in der personellen Führung übernehme.» Doch ähnlich wie eine Vorgesetzte freut sich auch die Fachverantwortliche Langzeitpflege darüber, wenn Kolleginnen und Kollegen von ihrem Fachwissen profitieren, sich weiterentwickeln und die Aufgaben mit wachsender Sicherheit wahrnehmen können.

Zur Person
Corinne Suter hat mehr als 15 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen. Nach einer Banklehre absolvierte sie die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF und arbeitete anschliessend in einem Spital. Im Sommer 2024 erwarb sie den Bachelor of Science in Nursing und wenige Monate danach übernahm sie die Funktion der Fachverantwortlichen Langzeitpflege im Seniorenpark Weissenau. Corinne Suter ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder und wohnt mit ihrer Familie in Ringgenberg. In ihrer Freizeit spielt sie in verschiedenen musikalischen Vereinen und Formationen Oboe, und im Winter frönt sie gerne dem Skifahren.

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