Pendlerin zwischen Helikopter und Operationssaal
Text: Daniel Göring, Foto: Tino Kistler
Seit knapp einer Stunde steht Ann-Katrin Unglert im Operationssaal 3 des Spitals Interlaken. Ihre Aufmerksamkeit gilt den Geräten rechts von ihr. Sie kontrolliert die darauf angegebenen Zahlen: 64, 98 sowie direkt untereinander 119 und 72. Es handelt sich um die so genannten Vitalwerte des Patienten, der auf dem Operationstisch liegt. Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Blutdruck. Die Zahlen sagen ihr: Dem Patienten geht es gut, es läuft alles nach Plan.

Narkoseärztin Dr. med. Ann-Katrin Unglert überwacht während der Operation die Vitalwerte des Patienten.
Auf der linken Seite sind an einem Ständer mehrere Geräte übereinander befestigt. Mit spritzenähnlichen, schmalen Pumpen führt Ann-Katrin Unglert dem Patienten bei Bedarf Medikamente zu, die in einer Schale nebeneinandergereiht auf ihren Einsatz warten. Es handelt sich um die Narkosemittel.
Ihr Arbeitsbereich ist mit einem aufgehängten sterilen Tuch vom Operationstisch abgetrennt. Den Eingriff kann Ann-Katrin Unglert auf einem Bildschirm mitverfolgen, der oberhalb des Operationsbereich angebracht ist. Sie ist Anästhesieärztin und sorgt gemeinsam mit einer Pflegeexpertin der gleichen Fachrichtung dafür, dass der Patient schläft und keine Schmerzen hat. Vor der Operation haben die beiden den 65-jährigen Mann an die Herz-Kreislaufüberwachung angeschlossen, ihn in Narkose versetzt und einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre platziert, damit das Beatmungsgerät ihn mit Sauerstoff versorgen kann. Er muss beidseitig einen Leistenbruch operieren lassen.

Narkoseärztinnen und -ärzte sind auch nach dem Eingriff noch während der ersten 24 Stunden für die Behandlung der Schmerzen von Patientinnen und Patienten zuständig.
Breites berufliches Feld
Wenn Ann-Katrin Unglert ihre Arbeit mit den Worten «Wir sind im Grunde Dienstleistende für die Chirurginnen und Chirurgen» zusammenfasst, tönt das, als würde es sich um eine untergeordnete Tätigkeit handeln. Dabei kommt Narkoseärztinnen und -ärzten eine wichtige Funktion zu. Sie kümmern sich um die lebenswichtigen Funktionen und das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten, damit sich die operierenden Medizinerinnen und Mediziner auf den Eingriff konzentrieren können.
«Mich reizt an der Anästhesie, dass sie ein breites Feld ist», schwärmt Ann-Katrin Unglert, wenn sie gefragt wird, was ihr an dem Beruf gefällt. «Unsere Arbeit findet nicht nur im Operationsaal statt. Wir führen auch die Gespräche mit den Patientinnen und Patienten vor der Operation durch, lindern Schmerzen und sind für die Stabilisierung vital gefährdeter Patienten auf dem Notfall und den Stationen zuständig.» Nur wenige wüssten zudem, dass Narkoseärztinnen und -ärzte in den ersten 24 Stunden nach einem Eingriff für die Behandlung der Schmerzen von Patientinnen und Patienten zuständig seien, streicht sie hervor.
«Mich reizt an der Anästhesie, dass sie ein breites Feld ist.»
Ein Monat Spital, ein Monat Rega
Im Fall von Ann-Katrin Unglert ist das Aktivitätsfeld noch etwas breiter als bei den meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie arbeitet nicht nur in den Operationssälen und an den Krankenbetten im Spital Interlaken, sondern auch bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega auf der Gebirgsbasis in Wilderswil. Wie drei weitere Anästhesieärzte hat sie eine Doppelanstellung: Einen Monat ist sie im Spital tätig, den nächsten auf der Rega-Basis – und bei Einsätzen natürlich im Helikopter sowie draussen im Gelände.

Im Einsatz für die Rega kümmert sich Ann-Katrin Unglert um die Stabiliserung von lebenswichtigen Funktionen, um die Linderung von Schmerzen und um die Bergung der Patientinnen und Patienten.
«Anästhesistinnen und Anästhesisten sind gute Notärzte, da es meistens um die Stabilisierung von lebenswichtigen Funktionen und um die Linderung von Schmerzen geht», erklärt Ann-Katrin Unglert. Ihre Aufgabe sei es, die Erstversorgung von Patientinnen und Patienten vorzunehmen, sie zu bergen und im Fall von Schwerverletzten dafür zu sorgen, «dass sie lebend ins Spital kommen». Diese Geretteten würden deshalb bei Bedarf in eine Narkose versetzt, um ihren Zustand zu stabilisieren und die vitalen Funktionen gut kontrollieren zu können.

Der Einsatz als Notärztin bei der Rega erfordert starke Nerven, da die Bedingungen immer anders sind und oft eisige Kälte die Versorgung der Patientinnen und Patienten erschwert.
Mittagessen stehen lassen
Während im Spital der Tagesablauf mehr oder weniger vorgegeben sei, wisse sie bei der Rega nie, was in der nächsten halben Stunde passiere. «Es kommt immer wieder vor, dass wir vor einem schmackhaften Mittagessen sitzen und es stehen lassen müssen, weil wir zu einem Notfall gerufen werden. Zehn Minuten später stehen wir dann irgendwo auf einem Gletscher», erzählt Ann-Katrin Unglert in der Pause, einen dampfenden Cappuccino vor sich auf dem Tisch.
Abgesehen von der eher nebensächlichen Unannehmlichkeit mit dem Mittagesmenü steht sie als Notärztin in unwegsamem Gelände vor grösseren Herausforderungen: in eisiger Kälte einen unter Umständen schwer verletzten Menschen zu versorgen. Es habe Zeit gebraucht, sich an die erschwerten Bedingungen zu gewöhnen, ohne gleich nervös zu werden, räumt Ann-Katrin Unglert ein.
Der Fünfer und das Weggli
Die Mischung zwischen den Monaten im Spital und bei der Flugrettung sei für sie «genau die richtige», wie Ann-Katrin Unglert es formuliert. Diese berufliche Situation hat allerdings einen Haken: Das Doppelmandat ist befristet und läuft demnächst ab. Sie wird sich entscheiden müssen, wo sie weiterarbeiten will.
Welcher Job ist ihr lieber, der im Spital oder jener bei der Rega? Die Narkoseärztin überlegt einen Moment: «Kurzfristig würde ich Rega sagen, langfristig das Spital.» Sie lächelt verschmitzt, wie jemand, der den Fünfer und das Weggli haben kann. Die Erklärung liefert sie nach einer kurzen Pause: «Ich bleibe im Spital, werde aber nebenher als Freelancerin auch für die Rega im Einsatz sein.»
Attraktives Sprungbrett
Mit den vier Doppelanstellungen kann das Spital Interlaken ein eigentliches Sprungbrett für die berufliche Karriere von Anästhesieärztinnen und -ärzten offerieren. Zum einen erhalten sie die Möglichkeit, den Schritt von Assistenten zu Oberärztinnen und -ärzten zu machen, zum anderen bietet ihnen der Wechsel zwischen Rega und Spital die Gelegenheit, die der Behandlung im Krankenhaus vorgelagerte Notfallmedizin à fonds kennen zu lernen und anzuwenden. «Die Verbindung von Klinikalltag und Einsätzen in der Luftrettung schärft nicht nur das fachliche Profil der Ärztinnen und Ärzte – sie verleiht ihrem Beruf eine besondere Dynamik», erklärt Pascal Hänzi, Co-Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin.
Handkehrum trügen die Doppelanstellungen dazu bei, die Attraktivität des Spitals Interlaken zu steigern. «Wir können dadurch Ärztinnen und Ärzte für unser Spital gewinnen, die ihren beruflichen Weg sonst vielleicht nicht ins Berner Oberland gefunden hätten, weil sie hier nicht nur eine Stelle, sondern eine aussergewöhnliche berufliche Perspektive erwartet», streicht Pascal Hänzi einen weiteren Vorteil der Lösung hervor.

Zur Person
Ann-Katrin Unglert ist Oberärztin in der Anästhesie. Seit 2023 arbeitet sie in einer Doppelanstellung je hälftig für das Spital Interlaken und die Rega in Wilderswil. Sie ist Mutter eines zweijährigen Sohnes und wohnt mit ihm sowie ihrem Partner in Thun. In der Freizeit ist Ann-Katrin Unglert oft in den Bergen unterwegs, am liebsten an einer Wand kletternd. Daneben unternimmt sie im Winter gerne Skitouren und steht im Sommer auf dem Wingfoil auf einem der beiden Oberländer Seen.

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