Eine Curling-Weltmeisterin im Spital
Text: Daniel Göring, Foto: Tino Kistler
Es war ihre erste Weltmeisterschaft, und sie kam gleich mit der Goldmedaille nach Hause. Fabienne Rieder strahlt noch heute, wenn sie darauf angesprochen wird, dass sie und ihre Teamkolleginnen Selina Gafner, Selina Rychiger und Xenia Schwaller im März in Kanada den WM-Titel im Curling gewannen. Die Euphorie des siegreichen Moments und der öffentliche Rummel mögen verflogen sein, die Freude über den Triumph ist unverkennbar bei ihr geblieben.

Fabienne Rieder (2. von links) und ihre Teamkolleginnen holten den WM-Titel in Calgary.
Fixes Pensum wäre undenkbar
Die Freude hat Fabienne Rieder auch zurück in den Job begleitet. Wenn sie nicht auf dem Eis steht, arbeitet die 23-Jährige als Fachfrau Gesundheit. Seit 2025 ist sie Teil des Pflegepools im Spital Interlaken, der Pflegefachleuten mit tiefen Arbeitspensen ermöglicht, ihre Einsätze flexibel zu planen und so Beruf und Privatleben optimal aufeinander abzustimmen. Fabienne Rieder hat eine Anstellung im Stundenlohn, denn «ein fixes Pensum könnte ich nicht mit dem Sport kombinieren».
Während sie im Sommer mehr arbeitet, ist sie in der Curling-Hochsaison kaum im Spital anzutreffen. «Dann sind wir täglich auf dem Eis und oft unterwegs an Turnieren.» Fabienne Rieder schätzt es enorm, dass sie ihre Arbeitseinsätze frei eingeben und so den Umfang ihres Pensums selbst bestimmen kann. Denn Leistungssport auf weltweit höchstem Niveau lässt sich auch in einer Randsportart wie Curling nicht nebenbei betreiben.

Für Fabienne ist ihre Arbeit im Spital ein wichtiger Ausgleich zum Curling.
25 Stunden Sport pro Woche
Nach dem wöchentlichen Aufwand für Training, Fitness und Wettkämpfe gefragt, muss Fabienne Rieder überlegen und den Taschenrechner zu Hilfe nehmen, um den Umfang präzise angeben zu können. Das bemerkenswerte Ergebnis: 25 Stunden pro Woche, und dies im Jahresdurchschnitt. Hinzu kommt die Zeit für die Logistik. Denn die vier Curlerinnen erledigen alles selbst, melden sich für Turniere an, buchen Reisen sowie Unterkünfte und suchen ihre Sponsoren. Um den Sport mit allem Drumerhum und die Arbeit in Einklang zu bringen, sind deshalb minutiöse Planung und Abstimmung erforderlich.
Einfacher dürfte die Aufgabe nach dem Weltmeistertitel nicht werden. Fabienne Rieder und ihre drei Kolleginnen wollen mindestens bis zu den Olympischen Spielen von 2030 in Frankreich mit Curling weitermachen. Die selbst gesteckten Erwartungen formuliert sie so: Medaillen an den Schweizermeister-, Europa- und Weltmeisterschaften gewinnen, um bei der Selektion für die Olympiade gute Voraussetzungen zu haben. Und an den Spielen selbst? «Natürlich würde ich mich über eine Teilnahme freuen, aber noch mehr, wenn wir auch dort eine Medaille holen könnten.»
«Das Setting mit dem Curling und der Stelle im Spital Interlaken stimmt für mich.»
Arbeit als Ausgleich
Wer solch klare Ziele formuliert, hört sich an, als wäre eine Profikarriere ein nächster logischer Schritt. Fabienne Rieder winkt ab. Das Curling sei zwar mittlerweile nicht mehr bloss eine Leidenschaft, sondern ein zweiter Job. «Aber das Setting mit dem Sport und der Stelle im Spital Interlaken stimmt für mich.» Obschon die Koordination manchmal etwas anstrengend sei, möchte sie den Umgang mit den Patientinnen und Patienten vorerst nicht missen. «Die Arbeit ist ein guter Ausgleich zum Curling. Ich kann durch sie in eine andere Welt eintauchen und habe noch immer Spass daran.» Auch dass sie auf verschiedenen Stationen im Spital zum Einsatz kommt, gefällt Fabienne Rieder.
Die Curlerin kann sogar von der Fachfrau Gesundheit profitieren. Auf die Frage, was sie von der Arbeit in den Sport mitnehmen kann, nennt Fabienne Rieder die Teamarbeit. «Ohne die geht auf dem Eis gar nichts. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, so wie dies im Spital auch der Fall ist.» Funktionierende Teams können über sich hinauswachsen, im Curling wie in der Medizin. In einem Fall winken Medaillen, im anderen dankbare Patientinnen und Patienten. Beides Ziele, die für Fabienne Rieder gleichermassen lohnenswert sind.
Pflegepool: Einsätze flexibel planen
Die Spitäler fmi AG verfügt seit mehr als 15 Jahren über einen Pflegepool. Die verschiedenen Arbeitsmodelle ermöglichen es Pflegenden mit besonderen Lebenslagen, im Beruf tätig zu bleiben. Der Pool umfasst rund 45 Pflegefachleute mit Pensen zwischen 10 und 80 Prozent. Zwei Drittel von ihnen sind im Stundenlohn angestellt.
Mitarbeitenden im Pflegepool stehen drei Arbeitsmodelle zur Auswahl:
- Pool im Stundenlohn: Mitarbeitende geben ihre Arbeitsangebote ein und werden mit Vorlauf oder bei Bedarf auch kurzfristig für Einsätze angefragt.
- Pool im Monatslohn (fixer Beschäftigungsgrad, flexibler Arbeitseinsatz):
Die Mitarbeitenden haben eine Jahresarbeitszeit. Sie geben ihre Arbeitsmöglichkeiten ein und werden fix auf einer Station eingesetzt, wo ein längerer Ausfall zu verzeichnen ist, Überstunden zu leisten oder Stellen unbesetzt sind). - Pool im Monatslohn (Springer mit fixem Pensum): Pflegende, die als Springer angestellt sind, kommen an fixen Tagen und Abenden zum Einsatz. Die Springer stehen auf allen Stationen im Einsatz und helfen, Arbeitsspitzen auszugleichen oder das Notfallzentrum bei hohem Patientenaufkommen zu entlasten.

Zur Person
Fabienne Rieder ist ausgebildete Fachfrau Gesundheit und wohnt mit ihrer Schwester in einer WG in Matten. Sie trifft sich gerne mit Familie, Freunden sowie Bekannten und verbringt ihre freie Zeit draussen. Es entspricht ihr, immer mal wieder andere Sportarten auszuprobieren, das sei spannend, betont sie. Einmal jährlich gönnt sich Fabienne Rieder Ferien irgendwo am Meer, um für Sport und Beruf aufzutanken.

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