Persönlichkeitsstörungen

Was sind Persönlichkeitsstörungen?

Als Persönlichkeitsstörung bezeichnet man Besonderheiten von charakterlichen Eigenschaften. Diese äussern sich in rigiden Verhaltensmustern, welche in ihrer Ausprägung ausserhalb der sog. Norm liegen. Deutliche Unausgeglichenheiten in Einstellungen, Affektivität und Impulskontrolle können zu starren, unangepassten Reaktionen in persönlichen, beruflichen und anderen sozialen Situationen führen. Diese Verhaltensweisen werden von der Umwelt und auch von den Betroffenen als störend empfunden. Sie belasten die zwischenmenschlichen Beziehungen, verursachen Konflikte und somit subjektives Leiden für die Betroffenen.

Es versteht sich von selbst, dass die Norm, auf die man sich dabei bezieht, immer stark gesellschaftlich und kulturell geprägt und bedingt ist, so dass sich jemand durchaus nach unseren Massstäben abweichend verhalten kann, wogegen sein Verhalten andernorts nicht auffallen würde.

Man könnte Persönlichkeitsstörungen auch so beschreiben, dass sich betroffene Menschen durch ihre Eigenart in vielerlei Lebenssituationen gestört fühlen. Es ginge ihnen ja gut, wenn sich ihre Mitwelt ihnen anpassen würde. Die Ursachen des Leidens werden daher meist nicht bei sich gesehen, sondern in den Umweltbedingungen. Das Leiden wird als ich-synton erlebt, das heisst als etwas, das „zu mir gehört“: „Ich bin halt so“ -  im Unterschied zum Beispiel zu einer Angststörung oder einer Depression, von der man sich „befallen“ fühlt und die man gerne loswerden möchte.

Bei der Entstehung von Persönlichkeitsstörungen spielen sowohl genetische Faktoren wie auch lebensgeschichtliche Erfahrungen und Erlebnisse, möglicherweise auch Traumatisierungen, eine entscheidende Rolle.

Wie stellt man Persönlichkeitsstörungen fest?

Da Persönlichkeitsstörungen eine Extremform von Charaktereigenschaften darstellen, handelt es sich wie erwähnt um überdauernde Verhaltensmuster und nicht um Krankheitsphasen mit einem klaren Beginn und Ende. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen für die Diagnostik.

Eine Persönlichkeitsstörung  wird nur bei erwachsenen Menschen diagnostiziert und nur dann, wenn die Wurzeln der Auffälligkeiten bis in die Jugendzeit zurück verfolgbar sind. Meistens fallen Menschen mit Persönlichkeitsstörungen bereits in ihrer Kindheit durch unangemessenes Verhalten auf. Hier kommt der Fremdanamnese, der von wichtigen Bezugspersonen, z.B. den Eltern, geschilderten Lebensgeschichte eine wichtige Bedeutung zu. Bei Kindern und Jugendlichen werden keine Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert, da während der Kindheit, aber vor allem auch während der Pubertät und Adoleszenz oft Verhaltensweisen auftreten, die in ihrer Abweichung von der Norm an Persönlichkeitsstörungen erinnern, die sich aber im Erwachsenenalter normalisieren.

Im ICD-10 werden folgende Typen von Persönlichkeitsstörung mit "typischen" Merkmalen unterschieden.

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung: misstrauisch, streitsüchtig, nachtragend
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung: emotional kühl, distanziert, einzelgängerisch
  • Dissoziale Persönlichkeitsstörung: verantwortungslos, aggressiv, Missachtung von Normen
  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline): instabile Stimmung, impulsives Handeln ohne Rücksicht auf Konsequenzen, Selbstverletzungen, Suizidalität
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung: dramatisierend, theatralisch, manipulativ
  • Anankastische Persönlichkeitsstörung: übergewissenhaft, rigide, pedantisch, perfektionistisch
  • Ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung: ständig angespannt, besorgt, unsicher
  • Abhängige Persönlichkeitsstörung: entscheidungsschwach, unselbständig, hilflos, nachgiebig
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Bedürfnis nach übermässiger Bewunderung, arrogant, übersteigertes Grössengefühl, kaum kritikfähig

Bei dieser Typologie gilt es zu beachten, dass Persönlichkeitsstörungen nicht immer eindeutig nur einer Kategorie zugeordnet werden können. So kann es durchaus sein, dass Merkmale von verschiedenen Persönlichkeitsstörungen gleichzeitig vorkommen. Oft wird dann eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert, bestehend z.B. aus Anteilen einer emotional instabilen und einer histrionischen Persönlichkeitsstörung, oder es werden parallel mehrere Diagnosen gestellt.

Die Vergabe der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung sollte den Fachpersonen überlassen werden. Wenn sich jemand „daneben" verhält, also ausserhalb der Norm, ist er deshalb noch lange nicht zwingend persönlichkeitsgestört.

Was hilft bei Persönlichkeitsstörungen?

Wegen der engen Verquickung von Persönlichkeitsstörungen mit dem Charakter einer Person galten diese psychischen Auffälligkeiten lange Zeit als praktisch nicht behandelbar. Man unterstellte betroffenen Menschen, dass sie sich ja gar nicht verändern wollten und dass sie nicht therapiemotiviert seien.

Hier stellt sich die Frage, was denn Therapie, Hilfe, Unterstützung bedeutet. Wo setzt man an und was soll therapiert werden? Diese Frage ist für das Therapiebündnis von ganz entscheidender Bedeutung, damit die Behandlung nicht zur Enttäuschung führt.

Persönlichkeiten können sich wandeln und sich im Laufe der Jahre durchaus in einem gewissen Rahmen verändern. Dies geschieht aber sehr langsam, im Tempo von Wachstum und nicht vergleichbar mit einem Lichtschalter, den man an- und ausknipst.

Das primäre Ziel in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen ist indessen nicht die Veränderung der Persönlichkeit, sondern der Aufbau von Kompetenzen, mit den charakterlichen Ecken und Kanten zu leben und umzugehen. Wichtig ist, betroffene Menschen darin zu unterstützen, sich mit und trotz deren „Unhandlichkeit“ in unser soziales und berufliches Umfeld zu integrieren und damit Bestandteil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu bleiben.

Psychotherapie, welche symptomorientiert auf psychische Stabilisierung hinarbeitet, muss deshalb oft ergänzt werden durch ein soziales Netzwerk bestehend aus Fachkräften unterschiedlicher Richtung, z.B. aufsuchender Pflege, Sozialarbeit etc., sowie Angehörigen, Arbeitgebern, Versicherungsvertretern u.a.m.  Gute Hilfe hat hier zum Ziel, Menschen mit Persönlichkeitsstörungen ein möglichst autonomes Leben zu ermöglichen mit Integration ins gesellschaftliche und berufliche Leben. Der Erhaltung des Arbeitsplatzes bzw. der Organisation einer sinnvollen Tagesstruktur kommt hier eine grosse Bedeutung zu.

Eine rein medikamentöse Therapie für Persönlichkeitsstörungen gibt es nicht. Sehr oft treten komorbid zu Persönlichkeitsstörungen aber auch noch andere psychische Erkrankungen auf, wie etwa Depressionen. Hier kann eine medikamentöse Behandlung kombiniert mit Psychotherapie direkt zur Linderung des Leidens beitragen.

Tipps für Betroffene

Da Persönlichkeitsstörungen so verschieden sind wie Menschen es sein können, ist es schwierig, allgemein gültige Tipps zu geben. Und trotzdem: Versuchen Sie, sich so zu nehmen wie Sie sind, und andererseits auch die durch Ihre Mitwelt gesetzten Grenzen zu respektieren. Reden Sie mit Ihren Mitmenschen darüber, wie es Ihnen geht, was Sie sich wünschten und bräuchten. Hören Sie auch zu, wenn Sie Rückmeldungen zu Ihrem Verhalten bekommen und nutzen Sie dadurch gewonnene Erkenntnisse als Orientierungshilfen auf Ihrem Weg hin zu einem ausgeglicheneren Zusammenleben mit Ihrer Mitwelt.

Tipps für Angehörige

Versuchen Sie nicht, Angehörige mit einer möglichen Persönlichkeitsstörung in deren Wesen zu verändern. Respektieren Sie sie in deren oft unangemessenen Eigenheiten. Begegnen Sie Ihnen mit Achtung, aber setzen Sie auch klar Grenzen. Sagen Sie deutlich, was für Sie drin liegt und was nicht. Suchen Sie für sich einen fachlichen Support für den Umgang und die Begleitung Ihres Angehörigen, der sich selbst sicher auch ein weniger anstrengendes und belastendes Leben gewünscht hätte.