Abhängigkeitserkrankungen

Was sind Abhängigkeitserkrankungen?

Bei dem Thema Abhängigkeitserkrankungen, welche häufig auch als „Süchte“ bezeichnet werden, hat fast jede/r bereits bestimmte Vorstellungen, Bilder oder Erlebnisse im Kopf. „Sucht“ kommt dabei übrigens nicht von Suche, wie oftmals fälschlicherweise beschrieben wird, sondern vielmehr vom altdeutschen „Siechen“, was so viel wie Leiden oder krank sein bedeutet. Abhängigkeitserkrankungen zählen zu den häufigsten psychiatrischen Störungen, verursachen viel Leid bei den Betroffenen, berühren aber auch sehr stark das soziale Umfeld.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt es sich bei Abhängigkeitserkrankungen ausschliesslich um Abhängigkeiten von psychisch-aktiven oder sog. psychotropen Substanzen. Andere Abhängigkeiten, wie die sog. Internetsucht oder die Sexsucht oder die Spielsucht, gehören zu den sog. nicht-stoffgebundenen Süchten oder werden auch als Störungen der Impulskontrolle bezeichnet.

Die WHO unterteilt die Abhängigkeit nach Alkohol, Opiaten (Heroin, Morphin, stark wirksame Schmerzmittel), Cannabis, Sedativa (Schlaf- und Beruhigungsmittel), Kokain, Stimulanzien (Aufputschmittel) inklusive Koffein, Halluzinogenen (Mittel, welche die Wahrnehmungsfähigkeit verändern wie LSD, Pilze), Tabak und flüchtigen Lösungsmittel. Voraussetzung, um überhaupt von einer Abhängigkeitserkrankung zu sprechen, ist, dass ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, welches auch als „Reissen“ bezeichnet wird, vorliegt, eine Substanz zu konsumieren, und dass dieser Wunsch für die Betroffenen Vorrang vor anderen früher wichtigen Tätigkeiten hat. Dies bedeutet andersherum, dass es zur Vernachlässigung von Familie, Arbeit und Sozialleben kommen kann. Daneben müssen mindestens noch zwei weitere der folgenden 5 Kriterien erfüllt sein, damit eine Abhängigkeitserkrankung diagnostiziert werden kann:

  • Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums 
  • Körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern oder Schwitzen bei der Beendigung oder Reduktion des Konsums 
  • Nachweis einer Toleranz, das heisst, es werden immer höhere Dosen der gleichen Substanz benötigt, um noch eine Wirkung zu erzielen 
  • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen 
  • Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen, wie zum Beispiel Leberschädigung durch Alkoholkonsum, depressive Verstimmungen infolge des Substanzkonsums, Atembeschwerden infolge Tabakkonsums. Es sollte dabei festgestellt werden, dass die/der Konsument/in sich tatsächlich über die Folgen im Klaren war oder zumindest davon auszugehen ist.

Wie stellt man Abhängigkeitserkrankungen fest?

Die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung im Rahmen einer Konsultation bei der Ärztin/beim Arzt ist nicht immer ganz einfach – diese erfordert eine Motivation und Bereitschaft auf Seiten des Betroffenen. Vereinfacht gesagt geht es darum, die „Wahrheit“ zu sagen und den problematischen Konsum anzusprechen. Es existieren zwar verschiedene Tests, die Hinweise auf eine Abhängigkeit geben können, eine Diagnose oder „Überführung nach Indizien“ bewährt sich aber in der Regel nicht, da der Verlauf und das Ergebnis der Behandlung wesentlich von der Motivation und Mitarbeit der Betroffenen abhängt. Eine Behandlung gegen den Willen der Betroffenen ist in der Regel nicht zielführend und für alle Beteiligten ein mühsames Unterfangen. Oftmals kann sie aber den Boden bereiten und Motivation herstellen, doch fachliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen und vielleicht in einem zweiten – selbstentschiedenen – Anlauf eine Behandlung anzugehen.

Oftmals entsteht anhand von bestimmten Verhaltensweisen oder bereits eingetretenen gesundheitlichen Schäden ein erster Verdacht. Die Kunst der Behandlung liegt dann oftmals darin, eine Atmosphäre herzustellen, in der sich die Betroffenen öffnen können, und die es erleichtert, das Problem anzusprechen. Eine Diagnosestellung an sich ist – wenn die Fakten auf dem Tisch liegen – meist keine Kunst, sondern vergleichsweise eindeutig möglich.

Andere psychiatrische Erkrankungen, insbesondere Depressionen oder auch organische psychische Folgeerscheinungen, können bei schweren Abhängigkeiten auftreten. Andersherum liegen vielen Abhängigkeitserkrankungen aber auch andere psychische Probleme zugrunde. Hier liegt oftmals ein Teufelskreis vor, z.B.: Depressive greifen als Erleichterung zu Alkohol, Alkohol macht depressiv…Aber auch Persönlichkeitsstörungen, ein ADHS und Angsterkrankungen, um nur einige zu nennen, können das Risiko einer Abhängigkeitserkrankung erhöhen. Im Rahmen einer Behandlung geht es also auch darum, „hinter“ die Sucht zu schauen und suchtbegünstigende und -erhaltende Bedingungen anzugehen.

Was hilft bei Abhängigkeitserkrankungen?

Dies ist je nach Substanz, von der eine Abhängigkeit vorliegt, unterschiedlich. Zumeist benötigen Betroffene Unterstützung dabei, den Konsum zu reduzieren oder bestenfalls ganz einzustellen. Je nach Dauer oder Schweregrad der Abhängigkeit sind dafür verschiedene Massnahmen notwendig. So können bei leichteren Formen schon stützende Gespräche bei der Hausärztin/beim Hausarzt hilfreich sein, um den Konsum zu beenden. Bei schwerer Alkohol-, Medikamenten- oder Heroinabhängigkeit ist hingegen eine Entzugsbehandlung im Spital oder in einer psychiatrischen Klinik erforderlich. Zur Vermittlung in ein passendes Angebot kann die Hausärztin/Hausarzt, eine Suchtberatungsstelle, im Kanton Bern ist dies die Berner Gesundheit, ein/e Psychiater/in wie auch die psychiatrischen Dienste kontaktiert werden.

Der Entzug ist ein erster Schritt, anschliessend ist jedoch zumeist weitere Hilfe erforderlich, um nicht rückfällig zu werden beziehungsweise einen allfälligen erneuten Konsum rasch wieder zu beenden. Dies wird unter Fachleuten auch Entwöhnungsbehandlung genannt. Hier stehen ebenfalls verschiedene Angebote zur Verfügung mit unterschiedlicher Intensität. So bietet die Berner Gesundheit Gruppen- oder Einzelgespräche an, es gibt auch verschiedene Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz. Psychiatrische Kliniken bieten Entwöhnungsprogramme nach dem körperlichen Entzug an. Im Spital Interlaken bieten wir bei Alkoholabhängigkeit die sogenannte qualifizierte Entgiftung an. Dabei werden die Betroffenen zunächst einige Tage im Spital Interlaken stationär behandelt, nehmen dann, sobald sie körperlich dazu in der Lage sind, tagsüber am Programm der Psychiatrischen Tagesklinik teil und wechseln nach ca. 1 Woche ganz in die Tagesklinik. Im Anschluss an die tagesklinische Behandlung besteht zudem die Möglichkeit, ambulant weiter ein Gruppenangebot zu besuchen oder Einzeltherapie wahrzunehmen. Bei Abhängigkeit von illegalen Substanzen wie Heroin besteht der erste Schritt der Hilfe zumeist daraus, vom illegalen Konsum in die legale Substitutionsbehandlung (z.B. mit Methadon, Subutex, Sevre-Long) zu wechseln und somit die oftmals schwerwiegenden sozialen Folgen der Abhängigkeit zu verringern. Substitutionsbehandlungen führen viele Hausärztinnen/e, Psychiater/innen, die Psychiatrischen Dienste oder darauf spezialisierte Ambulanzen durch. Zusätzlich zu Einzel- und Gruppengesprächen können auch Medikamente hilfreich sein, welche das starke Verlangen nach der psychisch-aktiven Substanz verringern oder die Wirkung der Substanz verändern, so dass der Konsum rascher wieder beendet werden kann.

Tipps für Betroffene

Wenn Sie unter einer Abhängigkeit leiden oder sich fragen, ob sie bereits abhängig sind, insbesondere wenn Sie körperliche Entzugserscheinungen wie starkes Schwitzen oder Zittern bemerken, sobald sie den Konsum versuchen zu reduzieren, so wenden Sie sich an ihre Hausärztin/ ihren Hausärztin, an eine Suchtberatungsstelle wie die Berner Gesundheit oder an ambulante Psychiatrische Dienste, um Hilfestellung zu erhalten. Denn es ist oft nicht nur sehr schwer, ohne Hilfe den Substanzkonsum zu beenden, sondern kann auch, zum Beispiel bei einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit, unter Umständen gefährlich sein, den Konsum ohne ärztliche Hilfe von heute auf morgen zu beenden (es besteht zum Beispiel die Gefahr von Krampfanfällen). Ferner ist es ratsam, auch, wenn Sie nicht annehmen, dass Sie bereits unter einer Alkoholabhängigkeit leiden, den Alkoholkonsum bei einem Spitaleintritt, zum Beispiel wegen einer Operation, möglichst wahrheitsgetreu anzugeben, da Alkohol Einfluss auf die Wirkung von bestimmten Medikamenten haben kann. Gleiches gilt auch für den Tabakkonsum, da auch Nikotin Einfluss auf Medikamente haben kann, insbesondere den Abbau bestimmter Medikamente beschleunigen kann.

Weitere Informationen zum Thema Sucht, finden Sie auf der Webseite von Infodrog (Schweizer Koordinations- und Fachstelle Sucht), diese enthält auch Informationen, wo Sie welche therapeutischen Angebote oder Selbsthilfegruppen finden. Die Berner Gesundheit stellt in ihren Mediatheken Literatur zur Ausleihe zur Verfügung, welche Sie in den jeweiligen Regionalzentren ausleihen können.

Tipps für Angehörige

Vermutlich haben Sie schon selbst bemerkt, dass das Thema Konsum bei Betroffenen sehr heikel und ein „Streitpunkt“ sein kann, dass sie als Angehörige häufig wenig ausrichten können und hilflos zuschauen müssen. Vielleicht haben Sie aber auch bemerkt, dass Sie Verhaltensweisen des Betroffenen übernehmen oder anderen gegenüber versuchen, das Problem zu „verharmlosen“. Häufig können sie als Angehörige wenig ausrichten – wie o.g. ist der Konsum ihres Angehörigen ab einem gewissen Zeitpunkt auch keine blosse dumme Angewohnheit mehr, sondern vielmehr eine behandlungsbedürftige Erkrankung. In diesem Zusammenhang kann es auch bei Angehörigen zu Überforderung oder gar zur Entwicklung einer Depression kommen. Holen auch Sie sich Unterstützung, wenn Ihre Kraft Sie verlässt und Sie sich überfordert fühlen. Im Kanton Bern bietet die Berner Gesundheit nicht nur Beratung für Betroffene, sondern auch für Angehörige an, dieses Angebot ist kostenlos. Wenn ihr Angehöriger bereits in Behandlung ist, so ist es auch sinnvoll, wenn Paar- oder Familiengespräche mit der Behandlerin/dem Behandler stattfinden. Auch Kinder können und sollten einbezogen werden, da sie ebenfalls von Substanzkonsum betroffen sind. Ohne Informationen von Erwachsenen über das Problem ihrer Mutter oder ihres Vaters machen sich Kinder ihre eigenen Gedanken, fühlen sich oftmals schuldig und überfordert. Unter Umständen benötigen auch die Kinder weitere Hilfen, als nur die Information über die Erkrankung des Elternteils. Dies können Sie mit der Behandlerin/ dem Behandler oder ihrer Kinderärztin/ihrem Kinderarzt besprechen.

Weitere Informationen zum Thema Sucht, speziell für Angehörige, finden Sie auch auf der Seite der infoset, dem Schweizer Informationsportal von Infodrog zu Sucht, Drogen, Prävention und Hilfe.