Autismusspektrumstörungen/Asperger

Was sind die sog. Autismusspektrumstörungen?

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind keine Modeerscheinung, sondern waren schon immer in der Bevölkerung vorhanden. Sowohl das Asperger-Syndrom wie auch der frühkindliche Autismus gehören zu den Autismus-Spektrum-Störungen und wurden ursprünglich bereits Mitte des letzten Jahrhunderts erstmals beschrieben. Die leichtere Form, das Asperger-Syndrom, wurde jedoch erst in den 1990er Jahren in die Klassifikationssysteme mit einbezogen. Dies hatte zur Folge, dass sich das Wissen um dieses Störungsbild erst in den letzten Jahren verbreiten konnte und damit zusammenhängend auch die Diagnosestellungen zugenommen haben.

Menschen mit ASS zeigen gemäss internationaler Kriterien Schwierigkeiten in den Bereichen Kommunikation, der sozialen Interaktion sowie ritualisierte Verhaltensweisen. Der Beginn dieser Besonderheiten liegt in der frühen neurobiologischen Entwicklung, damit im Zusammenhang stehende Probleme zeigen sich jedoch aufgrund teils sehr guter Kompensationsstrategien und Ressourcen der Betroffenen häufig erst viel später im Lebensverlauf. Man geht heutzutage davon aus, dass ca. 1% der Bevölkerung von einer ASS betroffen ist. Dies entspricht z.B. der Häufigkeit von Diabetes Mellitus Typ 1 oder der Schizophrenie. Menschen mit dem Asperger-Syndrom fällt es im Beruf und im Privaten oft schwer, mit anderen Menschen aufgrund bestehender Schwierigkeiten auf kommunikativer Ebene zu interagieren. Sie sind einzelgängerischer Natur und fühlen sich in Menschenmengen meist unwohl. Für die meisten Menschen selbstverständliche intuitive Reaktionen und Wahrnehmungen im Rahmen zwischenmenschlicher Interaktion, wie z.B. zurücklächeln, die Hand zu geben, auf den Gefühlszustand des Gegenübers einzugehen, müssen von Menschen mit ASS mühsam erlernt und auf der "Kopfebene" auswendig gelernt werden. Dass diese Situationen gemieden werden, erscheint in diesem Zusammenhang somit verständlich.
Als ein weiterer schwieriger Punkt in der Interaktion mit Mitmenschen erscheint das Unvorhersehbare. Soziale Situationen laufen selten gemäss einem Plan, einem Konzept ab. Genau dies ist jedoch ein grosses Bedürfnis von Menschen mit ASS. Sie benötigen klare Regeln und Strukturen, mögen i.d.R. keine kurzfristigen Veränderungen. Bedarf es bestimmter Umgebungsbedingungen oder dem Wissen über die „Andersartigkeit“ im Umfeld und sind diese nicht gegeben, kann es zu teils sehr emotionalen Reaktionen von Seiten der Betroffenen kommen. Dies hat dann wiederum Auswirkungen auf Reaktionen vom Umfeld, welche sich im weiteren Verlauf aufgrund mangelnden Verständnisses nicht selten zurückziehen.

Das Gefühl, nicht dazu zu gehören und zurück gewiesen zu werden, ist in diesem Zusammenhang bei den meisten Menschen mit ASS vorhanden. Neben den Schwierigkeiten sind aber vor allem auch die vorhandenen Stärken und Ressourcen hervorzuheben, die es den Betroffenen jedoch wiederum häufig nicht leichter machen, sich in der heutigen Welt zurecht zu finden respektive sie für Aussenstehende oft zu „Andersartigen“ machen. Genau dieses „anders Sein“ beinhaltet jedoch vielfältige Fähigkeiten und Möglichkeiten, die – erkannt und gefördert – eine grosse Bereicherung darstellen können.

Wie stellt man eine Autismusspektrumstörung fest?

Es kommt nicht selten vor, dass ein Asperger-Syndrom oder ein hochfunktionaler Autismus bis ins Erwachsenenalter nicht erkannt werden. Dies liegt unter anderem an z.T. unglaublichen Kompensationsstrategien, welche sich Betroffene im Verlauf ihres Lebens aneignen, mit Schwierigkeiten um zu gehen. Kommt es im Leben zu Veränderungen, sei es z.B. durch einen Umzug oder einen Arbeitswechsel, kann es dazu führen, dass die bekannten Kompensationsstrategien nicht mehr angewandt werden können und der Lebensalltag nicht mehr bewältigt werden kann. Nicht selten entwickeln sich in solchen sog. Schwellensituationen eine Depression oder eine Angststörung, die die Betroffenen in weiterer Folge Hilfe aufsuchen lässt.

Für eine Diagnosestellung einer ASS müssen ausschlaggebende Punkte bis in die frühste Kindheit zurück verfolgbar sein. Aus diesem Grund beruht die Diagnosestellung (sofern nicht bereits in der Kindheit/Jugend eine entsprechende Vordiagnose gestellt worden ist) auf einer ausführlichen Untersuchung der Kindheit und Jugend, um - so gut möglich - rückblickend bereits damals vorhandene Schwierigkeiten auszuloten. Hierbei werden in der Regel die Eltern oder andere (erwachsene) Bezugspersonen aus der Kindheit und Jugend in die Abklärung einbezogen. Der Ausschluss anderer Ursachen und die sorgfältige Abklärung ist bei einer ASS ein sehr wichtiger Punkt. Die Abklärung einer ASS unterliegt bestimmten Regeln und Vorgaben, es bestehen klare diagnostische Definitionen, wann man von einer ASS ausgehen kann und wann nicht. In unserer Spezialsprechstunde erfolgt die Abklärung standardisiert, u.a. kommen auch diverse international eingesetzte Fragebögen zum Einsatz.

Neben diesen Untersuchungen, einer umfangreichen Anamnese und dem Einholen von Informationen von Dritten gehören auch körperliche Untersuchungen (Blutuntersuchungen, in bestimmten Fällen auch eine Bildgebung des Kopfes wie z.B. MRI) und bei Bedarf auch neuropsychologische Untersuchungen dazu. Kommt es zur Diagnosestellung einer ASS, erleben die meisten Betroffenen, aber auch deren Angehörige, eine grosse Erleichterung. Letztere entsteht durch Aufbau von Verständnis und Erarbeitung von Erklärungen für die unterschiedliche Wahrnehmung der Welt und die eigenen Verhaltensweisen. Viele berichten von zahlreichen "Aha-Erlebnissen" und grosser Entlastung.

Was hilft bei einer Autismusspektrumstörung?

Aus den obigen Ausführungen geht hervor, dass es sich bei einer ASS um eine (andere) Art "Betriebssystem" handelt, die nicht in allen Lebensbereichen mit den anderen Betriebssystemen oder Anforderungen kompatibel ist. Eine "Heilung" einer ASS im klassischen Sinne ist nicht möglich - theoretisch aber auch gar nicht notwendig. Ziel einer Behandlung ist es keinesfalls, anders oder normal zu werden, sondern vielmehr so zu bleiben, wie man ist, damit aber einen besseren oder konstruktiveren Umgang zu finden - für sich, aber auch für das Umfeld.

Wichtig erscheint, dass sich Betroffene über ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusster werden und lernen, ihre Stärken besser einzusetzen, mit Schwierigkeiten besser umzugehen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Einbezug von Angehörigen. Aufbau von Verständnis betreffend der unterschiedlichen Wahrnehmungen und "Übersetzungsarbeit" diesbezüglich ist einer der wichtigsten Punkte. Wer beispielsweise leidet, weil er aufgrund seiner Schwierigkeiten im Beruf immer wieder aneckt, profitiert vielleicht am besten von einer Unterstützung, sich beruflich zu verändern, oder von einem Coaching, mit seinen Problemen am Arbeitsplatz besser zurecht zu kommen, indem Arbeitsabläufe geändert und angepasst werden. Hier ist der Einbezug von Arbeitgebern und dem Umfeld beispielsweise etwas sehr Wichtiges.

Wenn andere psychiatrische Erkrankungen zusätzlich bestehen - wie beispielsweise eine Depression, eine Angsterkrankung oder auch eine Abhängigkeitsproblematik - ist oftmals eine Behandlung dieser als erstes notwendig.

Ein Medikament für oder gegen Autismus oder Asperger gibt es nicht. Je nach Leidensdruck und Art der Beschwerden besteht die Möglichkeit, Psychopharmaka versuchsweise einzusetzen, ob dadurch eine Linderung der Beschwerden möglich ist. Bei Begleiterkrankungen, die einer medikamentösen Behandlung zugänglich sind (wie z.B. Depressionen mit Antidepressiva), können diese ausprobiert werden.

Die Behandlung einer ASS ist vielfältig und individuell - je nach Problembereich wird versucht, die notwendigen Unterstützungen zu benennen und in die Behandlung einzubeziehen.

Tipps für Betroffene

Wenn Sie oder Ihr Umfeld bei sich den Verdacht auf eine ASS haben, immer wieder Schwierigkeiten oder psychische Begleiterkrankungen auftreten, könnte es ratsam sein, eine spezifische Abklärung vorzunehmen. Wichtig hierbei ist jedoch, dass einzelne Auffälligkeiten allein einen Verdacht nicht unbedingt begründen - für eine "Diagnose" ist es immer notwendig, in mehreren der o.g. Bereiche Symptome aufzuweisen. Es sei hier angemerkt, dass auch bei den sog. Neurotypischen (= den Nicht-ASS-Betroffenen) ein breites Spektrum an unterschiedlichen Verhaltensweisen besteht. Als typisches Beispiel: Männer sprechen von Natur aus zumeist seltener oder weniger offen über ihre Gefühle, ohne gleich Autisten zu sein...

Für Betroffene aus unserem Einzugsgebiet bieten wir im Falle begründeter Verdachtsmomente eine Spezialsprechstunde an. Weitere Anlaufstellen finden Sie zum Beispiel auf der Homepage Autismus Deutsche Schweiz (für die Deutschschweiz). Autismuslink bietet Beratungen an.

Betroffene profitieren oft vom Austausch mit anderen Betroffenen. Im Internet gibt es verschiedene Diskussionsforen, bei denen man auch als nicht Mitdiskutierender viele Informationen findet (u.a. im Asperger-Forum oder beim Autismus-Forum Schweiz).

Informieren Sie sich über ASS. Eine Auswahl an Literaturhinweisen und anderen Tipps finden Sie auch in unserem Infoblatt (klicken zum Download).

Tipps für Angehörige

Als Angehörige/r eines Menschen mit ASS sind Sie zumindest ebenso betroffen, da die "Andersartigkeit" z.T. starke Auswirkungen auf das Miteinander, das Zusammenleben und auch die (intime) Beziehung haben kann.

Informieren Sie sich über ASS - im Internet/in der Literatur - und versuchen Sie sich zu vergegenwärtigen, dass es andere Wahrnehmungen der Realität gibt als die eigene. Sofern sich ihr/e Partner/in in Behandlung befindet, bitten Sie um einen Einbezug, um wiederkehrende Schwierigkeiten mit therapeutischer Unterstützung besser beheben zu können. Suchen Sie den Austausch mit anderen Angehörigen, z.B. in einer Selbsthilfegruppe.  

Alltägliche Tipps und Tricks für den Umgang mit Betroffenen können sein (Auszug):
- Klare, konkrete und präzise Kommunikation
- Struktur und Verlässlichkeit
- Keine kurzfristigen Veränderungen
- Explizites Aussprechen der eigenen Gefühle
- Keine spontanen Berührungen
- Zu viele Reize meiden
- Zeit lassen zum Nachdenken und Antworten
- ...

Weitere Informationen und Hinweise finden Sie in unserem Informationsblatt (klicken zum Download).

 
TYPO3 Agentur