ADHS im Erwachsenenalter

Was ist ein ADHS im Erwachsenenalter?

Zappelphilipp, Träumerchen, Transuse, Chaosprinzessin...alle diese Worte verbindet man mit einem ADHS. ADHS heisst ausgesprochen Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Aufmerksamheitsdefizit wiederum bedeutet Schwierigkeiten bei der Konzentration, dem Dranbleiben an Sachen, der Übersicht und Organisation. Konzentrationsschwierigkeiten zeigen sich z.B. beim Lesen - dies geht nicht lange oder wird sogar vermieden, aber auch bei längeren Gesprächen, Vorträgen oder bei Filmen. Hyperaktivität ist das Zappelige, das Unruhige und immer unterwegs Sein, aber auch eine innere Unruhe, ein nicht entspannen Können. Viele Betroffene zeigen noch andere Problembereiche - eine Impulsivität beispielsweise, bei der das Gesagte und Gemachte häufig schneller ist als die Gedanken, oder auch eine Ungeduld oder fehlende Ausdauer bei Dingen, die eine geistige Anstrengung erfordern. Auch Stimmungsschwankungen wie auf einer Achterbahn (und das bis mehrmals täglich) kennen viele Betroffene. Ein ADHS kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben (mehr/weniger Konzentrationsstörungen, mehr/weniger Hyperaktivität) - es muss also nicht immer der klassische Zappelphilipp sein.

Ein ADHS beginnt im Kindes- und Jugendalter, macht häufig Probleme in der Schule und in der Ausbildung, muss dies aber nicht zwangsläufig tun. Viele betroffene Kinder schaffen es, mit ausreichender Unterstützung (oder auch, wenn man es erkennt mit entsprechender Behandlung) die Schule gut abzuschliessen und eine Ausbildung zu machen. Dies heisst aber nur sehr bedingt, dass das ADHS - wie man früher immer behauptet hat - ausgewachsen ist. Wer nicht so gut durchkommt, hat grössere Schwierigkeiten in der Schule, muss eine Klasse wiederholen oder gar die Ausbildung abbrechen. Ein Grossteil der Betroffenen nimmt Schwierigkeiten mit in das Erwachsenenalter, wo sich die Problembereiche verändern und mit voller Wucht zuschlagen können. Bei der "falschen" Berufswahl beispielsweise kann die eingeschränkte Konzentration zu grossen Beeinträchtigungen führen. Aber auch andere Erkrankungen, die sich bei einem ADHS dazugesellen können (wie beispielsweise Depressionen, Suchterkrankungen oder auch Angststörungen), können den Betroffenen das Leben schwer machen. Viele Betroffene haben aufgrund der häufigen frustrierenden Erfahrungen, indem sie immer wieder scheitern, obwohl das Wissen und Können doch eigentlich vorhanden wären, Mühe mit dem Selbstvertrauen und der Selbstsicherheit.

Ein ADHS kann aber auch viel Positives beinhalten: Viele Betroffene sind kreativ, phantasievoll, gefühlvoll und gerechtigkeitsliebend. Richtig dosiert und eingesetzt kann dies und beispielsweise auch die Impulsivität im Beruf und auch privat zu Erfolgen führen. Auch eine "Hellsichtigkeit" oder ein 6. Sinn wird von einigen Betroffenen beschrieben.

Wie stellt man ein ADHS fest?

Wenn bereits in der Kindheit ein ADHS diagnostiziert wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass bei ähnlichen Problemen im Erwachsenenalter das ADHS mitbeteiligt ist. In diesem Fall ist eine ausführliche Untersuchung der aktuellen Problematik notwendig. Ebenso ist es wichtig, andere Faktoren, die die aktuellen Beschwerden erklären oder erschweren könnten (wie andere psychiatrische oder auch körperliche Erkrankungen), anzuschauen und/oder auszuschliessen.

Wenn erstmals im Erwachsenenalter der Verdacht auf ein ADHS entsteht (weil beispielsweise beim eigenen Kind ein ADHS festgestellt wurde oder weil im Beruf immer wieder Probleme entstehen, die zu Leidensdruck führen), geht die Abklärung noch einen Schritt weiter. In diesem Fall ist es wichtig, auch eine ausführliche Untersuchung der Kindheit und Jugend zu machen, um - so gut möglich - rückblickend bereits damals vorhandene Schwierigkeiten auszuloten. Hierbei werden in der Regel die Eltern oder andere (erwachsene) Bezugspersonen aus der Kindheit und Jugend in die Abklärung einbezogen. Wenn ein ADHS in der Kindheit sehr wahrscheinlich ist (was eine Voraussetzung für ein ADHS im Erwachsenenalter ist - ein ADHS, das erst im Erwachsenenalter auftritt, gibt es nicht), erfolgt wie o.g. die weitere Abklärung.

Der Ausschluss anderer Ursachen und die sorgfältige Abklärung ist bei einem ADHS ein wichtiger Punkt. Die Abklärung eines ADHS unterliegt bestimmten Regeln und Vorgaben, es bestehen klare diagnostische Definitionen, wann man von einem ADHS ausgehen kann und wann nicht. Wer "nur" immer wieder mal unkonzentriert oder ab und zu etwas unruhig ist, hat noch lange kein ADHS.

In unserer Spezialsprechstunde erfolgt die Abklärung standardisiert, u.a. kommen auch diverse international eingesetzte Fragebögen zum Einsatz. Neben diesen Untersuchungen, einer umfangreichen Anamnese und dem Einholen von Informationen von Dritten gehören auch körperliche Untersuchungen (Blutuntersuchungen, in bestimmten Fällen auch eine Bildgebung des Kopfes) und bei Bedarf auch neuropsychologische Untersuchungen dazu.

Was hilft bei einem ADHS?

Diese Frage ist nach der Diagnosestellung ganz individuell anzuschauen. Auch wenn dies merkwürdig klingt - sehr vielen betroffenen Erwachsenen hilft oftmals schon die Abklärung und Diagnosestellung sehr, sich besser kennenzulernen und vor allem eine Erklärung für die Schwierigkeiten an die Hand zu bekommen. Im Rahmen der Abklärungen ist die sog. Psychoedukation, also die Vermittlung von Wissen über die Erkrankung, ein wesentlicher Bestandteil.

Wer beispielsweise leidet, weil er aufgrund seiner Schwierigkeiten im Beruf immer wieder aneckt, profitiert vielleicht am besten von einer Unterstützung, sich beruflich zu verändern, oder von einem Coaching, mit seinen Problemen am Arbeitsplatz besser zurecht zu kommen, indem Arbeitsabläufe geändert und angepasst werden. Hier ist der Einbezug von Arbeitgebern und dem Umfeld beispielsweise etwas sehr Wichtiges. Auch bei Schwierigkeiten im Privaten (wie z.B. Schulden durch "Puff" im eigenen Büro) kann ein Coaching gut helfen. Viele Betroffene machen die Erfahrung, dass durch antrainierte Strukturen ein grosser Teil der Schwierigkeiten recht gut kompensierbar ist. Aber auch ein Coaching des Umfelds (LebenspartnerInnen, Angehörige) hilft oft, sich wiederholende Schwierigkeiten besser in den Griff zu bekommen.

Medikamente können bei einem ADHS vorübergehend eine gute und sinnvolle Unterstützung sein. Ziel der medikamentösen Behandlung ist eine Befähigung, Strategien im Umgang mit der Symptomatik erlernen und in den Alltag integrieren zu können. Auch wenn über Ritalin und Co. viel gesprochen und geschrieben wird, ist dies nach wie vor ein wichtiges und wertvolles Medikament, von dem viele Betroffene sehr profitieren können, und das einen wichtigen Stellenwert in der medikamentösen Behandlung eines ADHS einnimmt. Aber auch andere Medikamente wie Antidepressiva finden ihren Einsatz. Auch hier gilt: Die medikamentöse Behandlung ist eine individuelle Angelegenheit und erfolgt im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes.

Wenn andere psychiatrische Erkrankungen zusätzlich bestehen, ist oftmals eine Behandlung dieser als erstes notwendig. Erst dann lässt sich ein ADHS zumeist einwandfrei feststellen und behandeln.

Tipps für Betroffene

Wenn Sie bei sich den Verdacht auf ein ADHS haben oder bei Ihnen in der Kindheit/Jugend ein ADHS festgestellt wurde und Sie bis heute beeinträchtigende Problembereiche haben, könnte es ratsam sein, dies abzuklären und ggf. behandeln zu lassen. Für Betroffene aus unserem Einzugsgebiet bieten wir hierfür eine Spezialsprechstunde an.

In vielen anderen Regionen der Schweiz gibt es auf ADHS spezialisierte Fachleute: Eine Liste findet man z.B. auf der Homepage der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS, beraten lassen kann man sich auch von der Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS und deren Angehörige (adhs20+) und der Interessengemeinschaft ADS bei Erwachsenen (IG-ADS).

Betroffene profitieren oft vom Austausch mit anderen Betroffenen. Im Internet gibt es verschiedene Diskussionsforen, bei denen man auch als nicht Mitdiskutierender viele Informationen findet (z.B. im ADHS-Forum oder bei den ADHS-Chaoten).

Weitere Tipps und Tricks für einen besseren Umgang mit den Problemen (Auszug):

  • Versuchen Sie als Betroffene/r, Ihre Schwierigkeiten und Problembereiche, aber auch Ihre Vorzüge und Qualitäten, kennen zu lernen.
  • Lassen Sie sich von einer Fachperson, die sich mit ADHS auskennt (z.B. einem ADHS-Coach), beraten.
  • Schaffen Sie klare Strukturen in Ihrem Alltag, und versuchen Sie, ein allfälliges Chaos dadurch bestmöglich einzudämmen.
  • Achten Sie auf Ihre Beziehung und pflegen Sie eine offene Kommunikation über Ihre Schwierigkeiten - für viele Betroffene ist eine klare Aufgabenzuteilung notwendig.
  • Passen Sie auf Ihre (psychische) Gesundheit auf. Versuchen Sie, Suchtmittel zu meiden (die Gefahr einer Abhängigkeit ist bei ADHS-Betroffenen grösser als bei anderen!)

  • Suchen Sie bei Schwierigkeiten im Beruf das Gespräch mit Ihren Vorgesetzten und installieren Sie Strukturen, die Ihnen das Arbeiten erleichtern.

Tipps für Angehörige

Wenn ein/e Angehörige/r von Ihnen an einem ADHS leidet, signalisieren Sie vor allem Unterstützung und Wohlwollen. Viele ADHS-Betroffene haben aufgrund der Erfahrungen in ihrem Leben ein ausgeprägtes sensibles Ohr für Kritik und Vorwürfe. Wenn sich die/der Angehörige in Behandlung befindet, bieten sich z.B. in diesem Rahmen gemeinsame Gespräche an, um einen besseren gemeinsamen Umgang mit den Problembereichen zu entwickeln. 

Versuchen Sie, Ihr Wissen über die Problematik zu vertiefen und so Verständnis für die Schwierigkeiten Ihres Angehörigen zu bekommen. Informativ ist hier beispielsweise das Internet (wie u.v.a. die Homepage der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS oder die Homepage der elpos) oder auch die (Fach)Literatur. Es existieren viele Ratgeber für Betroffene und Angehörige, z.B. der Ratgeber ADHS bei Erwachsenen von E. Nyberg, M. Hofecker-Fallahpour und R.-D. Stieglitz (Hogrefe-Verlag, ISBN 978-3-8017-2224-1, zirka 18.90 CHF).

 
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